vom 27. Juni 2026

Der Preis unserer Toleranz – Warum innere Sicherheit die neue soziale Gerechtigkeit ist (Buchvorstellung)

Soziale Gerechtigkeit gilt in Deutschland als linkes Terrain. Wer den Begriff verwendet, meint Umverteilung, Mindestlohn, Transferleistungen. Doch dies lässt eine Dimension aus, die im Alltag von Millionen Menschen realer ist als jede Steuerquote: die innere Sicherheit. Nickolas Emrich, Jurist, ehemaliger Streifenpolizist am Berliner Alexanderplatz und Fachlehrer für Eingriffsrecht an der Polizeiakademie, stellt in seinem Buch Der Preis unserer Toleranz eine These auf, die den Gerechtigkeitsbegriff grundlegend neu vermisst und der rein linken Deutungshoheit entzieht: Ein Gemeinwesen, das den Schutz seiner Bürger vor Gewalt und alltäglicher Kriminalität vernachlässigt, betreibt keine progressive Politik. Es betreibt eine strukturelle Ungerechtigkeit – auf Kosten derer, die am wenigsten ausweichen können.

Der Mechanismus ist simpel und wird selten benannt. Wer wohlhabend ist, kauft sich heraus: durch Wohnlage, privates Verkehrsmittel, Privatschule. Wer das nicht kann, trägt den Preis des schwachen Staates. Die Kriminalität auf deutschen Bahnhöfen ist seit 2019 um 51 Prozent gestiegen. Gewaltdelikte an Schulen erreichten 2024 bundesweit knapp 27.000 Fälle. Diese Zahlen beschreiben keine abstrakte Sicherheitslage. Sie beschreiben das Leben jener Menschen, die morgens um fünf Uhr aufstehen, den öffentlichen Raum nicht meiden können und spüren, dass niemand mehr zuständig ist. Eine milde Justiz bestraft – paradoxerweise – vor allem die Schwächsten der Gesellschaft. Innere Sicherheit ist deshalb die Voraussetzung für echte Chancengerechtigkeit, nicht deren Gegenstück.

Das Buch stellt sich dem Einwand, der ihm als liberalen Autor entgegengebracht wird: Freiheit und Sicherheit seien Gegensätze. Emrich hält das für eine Fehldeutung und zieht zur Begründung die richtigen Zeugen heran. Friedrich August von Hayek propagierte keine schrankenlose Freiheit. Er sprach von einer »Ordnung der Freiheit«, die sich in Regeln und Institutionen verwirklicht und nicht in Beliebigkeit endet. Hayeks Theorie der »spontanen Ordnung« zeigt: Eine Gesellschaft bleibt nur stabil, wenn individuelle Interessen in ein System allgemeiner, verlässlicher Regeln eingebettet sind, das sich in Regeln und Institutionen verwirklicht und nicht in Beliebigkeit endet.

Für Hayek stand der Mensch in der Pflicht, Verantwortung zu übernehmen – nicht als Befehl des Staates, sondern als Ausdruck persönlicher Mündigkeit. Er verstand den Liberalismus als eine moralische Haltung und nicht als Rechtfertigung für blinden Egoismus. In seinem Werk The Constitution of Liberty schrieb er treffend, Freiheit sei »ein Mittel zur Erreichung größerer Ziele – nicht das Ziel selbst«. Wer sich heute liberal nennt und dabei ausschließlich den individuellen Aspekt betont, ohne zu erkennen, dass jede freiheitliche Gesellschaft auf wechselseitigem Vertrauen beruht, hat Hayek missverstanden. Ein rein egoistisches Kalkül zerstört die Grundlagen, auf denen es selbst aufbaut: den Rechtsstaat, den fairen Wettbewerb, die kulturelle Kohärenz. Sicherheit ist keine Einschränkung der Freiheit. Sie ist ihre Bedingung.

Das konkreteste Beispiel dieser Erkenntnis kommt aus Argentinien. Javier Milei stellte 2025 eine umfassende Reform des Strafgesetzbuches vor und bezeichnete sie explizit als Beginn einer Ära der Zero Tolerance: härtere Strafen für Gewaltdelikte und Drogenhandel, Senkung des Strafmündigkeitsalters. Seine Begründung ist präzise libertär: Wer die Rechte anderer verletzt, muss die Konsequenzen tragen. Das Nichtaggressionsprinzip schützt das Individuum vor dem Staat und vor dem Verbrecher. Für Milei ist der Schutz vor Kriminalität die elementare Kernaufgabe, um den Weg für wirtschaftlichen Aufstieg und individuelle Entfaltung freizumachen. Milei fasste seine Logik zusammen: »Freiheit existiert nur dort, wo Gesetz und Ordnung herrschen.« Das ist keine Abkehr vom Liberalismus, sondern seine konsequente Fortsetzung.

Emrich überträgt diese Logik auf Deutschland und kommt zu einem nüchternen Befund. Berlin hat pro Kopf mehr Polizeibeschäftigte als New York City. Das Problem ist kein Ressourcenmangel. Es ist ein Strukturproblem: Sanktionen folgen zu spät, Verfahren dauern zu lange, Wiederholungstäter nutzen die Trägheit des Systems. Wenn eine Tat erst Monate später eine Konsequenz hat, verpufft die präventive Wirkung vollständig. Der Staat hat formal alle Mittel. Er nutzt sie nicht. Ein Staat, der das Gewaltmonopol innehat und es nicht einsetzt, ist kein liberaler Staat. Er ist ein schwacher Staat. Schwache Staaten schädigen die Schwächsten am meisten.

Das Buch fordert keine Aufrüstung und keine Überwachung. Es fordert Verlässlichkeit. Regeln, die für alle gelten. Konsequenzen, die zeitnah eintreten. Einen Staat, der seinen Teil des Gesellschaftsvertrags erfüllt: Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum. Dabei gibt das Buch zahlreiche praktische Beispiele, durch welche Gesetzesänderungen dies umgesetzt werden könnte. Wer diesen Forderungen zustimmt, stimmt keiner blinden Härte zu. Er stimmt dem Kernbestand des klassischen Liberalismus zu. Angst lässt sich nicht monetär verringern. Und ein Aufstieg, dem das sichere Umfeld fehlt, bleibt ein leeres Versprechen. Das Buch erscheint in Kürze und ist ab sofort vorbestellbar.

Der Preis unserer Toleranz (Buch)

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